Die Industrie des St. Galler Rheintals wächst seit Jahren stetig. Kaum eine Ortschaft, die den Schwerpunkt in ihrer Stadtentwicklung nicht auf industrielle Betriebe legt. Das Bauvolumen ist enorm, aber die Architektur geht häufig außen vor. Ein Familienbetrieb in Hinterforst versucht einen anderen Weg. Vater und Sohn, Sägemeister und Architekt, positionieren einen Betrieb in der Zukunft. Und im Dorf.

Autor: Fabian Ruppanner | Fotos: Darko Todorovic | Michael Fenk

Ein Zittern geht durch den Stamm. Er wackelt leicht und kommt knarzend zum Liegen. Mit einem mechanischen Rattern setzt sich das Sägeblatt in Bewegung. Langsam senkt es sich nach unten. Späne fliegen durch die Luft, als es sich mit einem satten Geräusch ins Holz gräbt. Mit einem Knirschen zerfällt der Stamm in saubere Bretter.

Hinterforst scheint nur schon dem Namen nach der passende Standort für einen Holzbetrieb zu sein. Ganz im Westen des Dorfes, dort wo der Waldrand bis an die Gärten der letzten Häuser stößt, dort steht die Sägerei Fenkholz. Die dichten Waldgebiete erstrecken sich von Bodensee bis Walensee, entlang der voralpinen Hänge des Schweizer Rheintals. Dass der
Betrieb ausschließlich Bäume aus diesen Wäldern verarbeitet, versteht sich von selbst. Holz ist und bleibt ein regional verankertes Material. Nicht ohne Grund stammt der Begriff der Nachhaltigkeit aus der Forstwirtschaft. Auch die Abnehmer der fertigen Produkte befinden sich alle in nächster Nähe. Die Nachfrage nach lokalen Materialien ist groß. Ruedi Fenk führt das Unternehmen mit seiner Frau Doris bereits in vierter Generation. Sie können auf eine bald 140-jährige Geschichte zurückblicken. Und in eine rosige Zukunft: zwei der drei Söhne teilen die Leidenschaft der Eltern. Sie werden den Betrieb in den nächsten Jahren sukzessive übernehmen.

Eingegraben in die auslaufenden Hügel des St. Galler Rheintals, den Giebel asymmetrisch nach hinten versetzt und eine feine Holzlattung: Obwohl die Volumen großzügig sind, integrieren sie sich gekonnt in den dörflichen Kontext.
Die Materialisierung der neuen Hallen wird zum Aushängeschild des Familienbetriebs. Der Architekt griff, wo möglich, auf die Produkte der Sägerei Fenkholz zurück: Massivholz und rohe Bretter.

Patrick und Marco Fenk, die beiden Söhne, optimieren das florierende Unternehmen nach und nach. Mit einem Neubau soll daher nicht nur die Produktivität gesteigert, sondern Platz geschaffen werden. Für moderne Maschinen, minimale Produktionswege und bestmögliche Qualität. Hier kommt der dritte Sohn der Familie ins Spiel. Denn Michael Fenk hat sich für einen anderen Weg entschieden: Nach einer Hochbauzeichnerlehre hat er Architektur studiert. Mittlerweile arbeitet er im Büro Archraum in Altstätten zusammen mit Daniel Eggenberger. Es liegt auf der Hand, dass man den jungen Architekten mit ins Boot holt. Aber nur unter einer pragmatischen Bedingung: Er verzichtet auf sein Honorar und hat dafür gestalterisch freie Hand. Denn der Neubau soll mehr sein als eine weitere Halle. Er soll in seiner Materialisierung die Arbeit der Familie unterstreichen. Er soll aufzeigen, dass es neben der standardisierten Normlösung auch andere Wege gibt. Und dass diese anderen Wege nicht teurer sein müssen.

Der Name ist Programm: Die dichten Wälder reichen in Hinterforst bis zu den ersten Häusern. Die Sägerei bezieht ihr gesamtes Holz aus diesen Forstgebieten.
„In meinen Entwürfen verfolge ich einen einfachen Gedanken.
Die Architektur folgt der pragmatischen Übersetzung von Vorgaben,
der Materialisierung und ihrem Kontext.“

Michael Fenk
Architekt

Der Betrieb ist im letzten Jahrhundert organisch gewachsen. Die einzelnen Schuppen und Hallen stehen lose unterhalb der Oberrütistraße. Der Bestand überzeugt zwar weder architektonisch noch ökonomisch, er hat den dörflichen Kontext aber nie gesprengt. Der Neubau soll die Produktionsfläche nun kompakt um über 1000 m2 erweitern. Eine ehemalige Weide oberhalb der Straße dient als Bauplatz. Die zwei neuen Hallen stehen längs zu Straße und Hang. Der gemeinsame Sockel aus Beton nimmt den Schub des Berges auf. Und fasst sie gleichzeitig als Ensemble zusammen. Ein offener Werkhof trennt die südliche, kleinere Halle von seinem nördlichen, größeren Geschwister. Die große Halle bietet mit ihren 35 Metern Länge Platz für den neuen Maschinenpark. Die kleinere, quadratische, ist auf beiden Seiten offen und dient als Lager. Das weitere Wachstum ist schon eingeplant. Durch die lineare Anordnung können beide über den Hof zu einer einzigen Halle zusammengefügt werden. Die Dimensionen der Gebäude stimmen. Die Lage im Hang nimmt ihnen zusätzlich an Masse. Auch als einzelnes Volumen würden sie den Kontext nicht sprengen.

Lichtdurchlässige Stegplatten verkleiden die Stirnseiten der größeren Halle. Schiebetore im selben Material öffnen sich auf beiden Seiten. Und ermöglichen so minimalste Produktionswege.
Büro und Toilette finden im einzigen Einbau Platz. Die Wände bestehen aus holzgedübelten Bretterlagen, die Treppentritte aus massiven Balken.

Eine einläufige Kaskadentreppe, die an einer dreigeschoßigen Mauer aus geschaltem Beton im Nordwesten von Ebene zu Ebene klettert, erschließt den Trakt. Sie wird durch Seiten- und Oberlicht erhellt. Beim Emporsteigen ist so die Landschaft am Hang erlebbar. Wenn die Sonne die fixen Lamellen über dem Wärmeschutzglas in flirrende Schattenstreifen am Beton verwandelt, erinnert die Mauer an abstrakte Kunst. „Das Stiegenhaus war eine Möglichkeit, im Innenraum darzustellen, wie sich der Hang dem Gebäude nähert“, so Steinmayr. Brücken im Luftraum unter dem Oberlicht verbinden die Treppe mit dem breiten Flur, an dem sich die Klassen aneinanderreihen. Ihre gangseitigen Wände sind aus heller Birke, ein Oberlichtband lässt die Sonne auch vom Gang in die Klassen fallen, die sich zum Teil fast raumhoch verglast nach Südosten öffnen. „Es ist voll fein, dass wir die Dachterrasse haben“, sagt Ludina Eberle. Ihre Kollegin Ronja Hilbe schätzt am Neubau, dass er so hell ist und „dass man die Fenster aufmachen kann.“ Insgesamt ist der Trakt als erster Bauabschnitt zu sehen – er ließe sich in zwei Baustufen sowohl nach Südwesten als auch nach Nordosten erweitern: Die Planung für das Gesamtprojekt ist genehmigt, die Weichen sind gestellt.

Auf den ersten Blick wirken die Hallen wie jeder andere Schuppen: Fassade aus Holz, Giebeldach. Doch der Schein trügt. Denn nur die Längswände sind mit einer Lattung aus verschieden dicken Balken verkleidet. Die Stirnseiten der Produktionshalle sind mit transluzenten Polycarbonat-Stegplatten verkleidet. Sie fluten den Innenraum mit Tageslicht, große Tore lassen sich beidseitig öffnen. Die seitlich offene Lagerhalle gibt den Blick frei auf das gestaffelte Dachwerk. Der First liegt asymmetrisch gegen den Hang verschoben. Die Form ergibt sich aus dem zweischiffigen Grundriss. Zum Hang liegt der breite Produktionsbereich, zur Straße liegen die schmaleren Neben- und Lagerflächen. Massivholz-Stützen trennen die Bereiche räumlich ab. Sie tragen die Dachkonstruktion. Das einmal nach oben und einmal nach unten orientierte Fachwerk ist ebenfalls aus Massivholz konstruiert. Der Architekt griff praktisch ausschließlich auf die Produkte des eigenen Betriebs zurück. Auch bei den Handwerkern: Die sonstige Kundschaft baut die Zukunft des Zulieferers. Der einzige massive Einbau folgt der gleichen Logik. Die Büroräumlichkeiten mit Aufenthaltsraum und WC finden in einem zweigeschoßigen Volumen Platz. Dessen Wände bestehen aus horizontal und vertikal quer verlegten und holzgedübelten Bretterlagen. Der konsequente Einsatz von Holz in seiner reduziertesten Form ordnet alle Elemente formal zueinander.

Seine Brüder haben dem Architekten klare Vorgaben gemacht. Der gesamte Neubau ist perfekt auf die produktionstechnische Logik des Betriebs angepasst. Und doch ist die architektonische Haltung überall greifbar. Michael Fenk hat es geschafft, die verschiedensten Ansprüche in Architektur zu übersetzen. Hier kommt alles zusammen: ökonomische, städtebauliche, soziale Nachhaltigkeit. „Jeder macht das, was er am besten kann“, meint Ruedi Fenk trocken. Mit einem stolzen Grinsen im Gesicht fährt er die Gabel des Staplers unter die Bretter. Im Hof schichtet er sie sauber aufeinander. Der nächste Auftrag wartet, die Nachfrage ist groß.

Das gestaffelte Fachwerk orientiert sich zum Hang nach oben und reagiert so auf die nötige lichte Höhe. Die transluzente Verkleidung der Stirnseiten taucht das Innere in ein angenehm diffuses Licht.
Massivholz-Stützen teilen den Grundriss räumlich in zwei Bereiche. Der breitere Teil zum Hang bietet Platz für den neuen Maschinenpark, der schmalere zur Straße dient als Lagerfläche.

Daten & Fakten

Objekt Neubau Produktionshallen Sägerei Fenkholz

Bauherr Fenkholz, Doris und Ruedi Fenk, Hinterforst (CH)

Architektur Michael Fenk, Archraum, Altstätten (CH)

Statik Holzbau: Ökotech, Oberriet (CH) Beton: Beton RKL, Rüthi (CH)

Fachplanung Produktionsprozesse: Fenkholz, Patrick und Marco Fenk, Hinterforst

Ausführung 8/2013–6/2014

Umbauter Raum 9200 m³

Bruttogeschoßfläche 1150 m²

Besonderheit Heizung von Büro- und Waschräumen mit Pellets aus eigenen Produktionsabfällen

Gesamtkosten 1,1 Millionen Euro