Fährt man mit dem Auto über Scheidegg und Oberstaufen nach Immenstadt im Allgäu, so stellt der interessierte Beobachtende schnell fest, dass sich nicht nur das Landschaftsbild ändert. Auch in Sachen Architektur bietet sich ein anderes, traditionelleres Bild als in Vorarlberg. Bis man in Immenstadt am Alpsee das neue Feuerwehrhaus Bühl entdeckt, das sich mit seinem Erscheinungsbild schon farblich von seiner Umgebung abhebt.

Text: Klaus Fedlkircher | Fotos: Nicolas Felder

Betrachtet man dann die Silhouette des Gebäudes eingehender, so wird eine spannende Formgebung manifest, die den Höhenverlauf der umgebenden Landschaft wie eine Handskizze wiedergibt. Was in seiner Präsenz so leicht und wie aus dem Boden gewachsen wirkt, hat eine längere Geschichte hinter sich. Die Feuerwehr Bühl am Alpsee samt den politisch Verantwortlichen waren schon seit über zehn Jahren auf der Suche nach einer neuen identitätsstiftenden Heimat, erklärt Florian Häusler von den Alpstein Architekten. Nachdem endlich ein geeigneter Standort gefunden war, wurde die Errichtung des Gebäudes in Angriff genommen. Entstehen sollte ein ortsbildprägender Baukörper, der sich als funktionales, kostengünstiges und nachhaltiges Objekt unaufdringlich in die Landschaft einfügt. „Gebaut wurde deshalb in der Folge nur das wirklich Notwendige, dies aber in einer wertigen Ausführung“, so der zweite beteiligte Architekt Sebastian Rohse. Klingt simpel, war es dann aber nicht immer. Zumindest am Anfang, wie die beiden Verantwortlichen erklären. Nach vielen Gesprächen mit allen Beteiligten habe es jedoch bald ein grund-legendes Verständnis für das Konzept des Hauses gegeben.

Unterschiedliche Gebäudehöhen

Sieht man das Gebäude von außen, so fallen neben der Farbe die unterschiedlichen Höhen auf: Das sei nötig gewesen, da aufgrund der diversen Anforderungen auch verschiedene Kubaturen benötigt wurden, so Häusler. So fordert die Garage für die Einsatzfahrzeuge eine größere Raumhöhe, der Schulungsraum findet mit einer kleineren Kubatur das Auslangen. Damit wurde die Philosophie der kleinst nötigen Kubatur in allen Bereichen folgerichtig umgesetzt. Errichtet wurde der eingeschoßige Baukörper als reiner Holzbau auf einer betonkernaktivierten Bodenplatte, in die alle notwendigen Leitungen eingelassen wurden.

„Nicht nur bei der Verkleidung des Schulungsraums, sondern auch bei den Malarbeiten der Außenwände waren die ehrenamtlichen Mitglieder der Feuerwehr mit großem Enthusiasmus dabei.“

Sebastian Rohse
Architektur, Alpstein Architektur

Als Baumaterial wurde Holz aus dem nahegelegenen städtischen Forst verwendet. Mit der verbliebenen Seitenware wurde im örtlichen Sägewerk anschließend das Material für die Fassade und die Verkleidung im Schulungsraum gesägt. Schlussendlich stellte sich die Frage nach der Außenfarbe. Auch hier stellten die Verantwortlichen die Entscheidung nach zahlreichen Gesprächen auf eine breite Basis: Passend zur Funktion erhielt der Bau seine markante rote Holzfassade auf Leinölbasis. Bei Bedarf kann das Gebäude zukünftig ohne gröbere Vorarbeiten – langwieriges Abschleifen ist nicht nötig – aufgefrischt werden. Erhellt wird das Gebäude durch seine hinter Lamellen versteckten, dreifach verglasten Holz-Alu-Fenster. Nur an den beiden Stirnseiten finden sich sichtbare Öffnungen. Die Lamellen dienen einerseits als Sichtschutz und erhöhen andererseits die Einbruchssicherheit des Hauses. Ein kleiner Außenbereich, der durch den Schulungsraum begehbar ist, öffnet den Blick auf die Allgäuer Berge. Energetisch wird das Gebäude durch eine PV-Anlage, die einen Teil des begrünten Schrägdaches einnimmt, und Erdwärmesonden versorgt.

Auf dem Alarmweg

Im hinteren Teil des Gebäudes befindet sich der Schulungsraum mit Küche und Abstellraum. Die Möblierung ist geradlinig und funktional gehalten. An diesen Bereich schließt der Eingangsbereich mit dem traditionellen Fahnenschrank an, gefolgt vom Büro des Feuerwehrkommandanten, dem Umkleideraum, dem Duschraum und den WCs. Weiters befindet sich hier ein Waschraum für die Reinigung der kontaminierten Einsatzkleidung. Die Garage bietet Platz für zwei Einsatzwagen. Insgesamt basiert der Grundriss auf dem Alarmweg und beherbergt alle notwendigen Räumlichkeiten auf einer Ebene.

 

Feintuning in Vorarlberg

Wo gibt es nun eigentlich Bezüge eines Gebäudes, das sich im Allgäu befindet, zu Vorarlberg? Beide Architekten haben nach ihrer Ausbildung an unterschiedlichen Hochschulen ihre Expertise in Vorarlberg ausgebaut. Was sie dabei besonders geprägt hat? „Das ist zum einen die Wertschätzung des Materials, was nicht nur für Baustoffe, sondern auch für Möbel und Inneneinrichtung gilt“, so Florian Häusler. Rohse ergänzt, dass für ihn die Verwendung der lokalen Ressourcen ein wichtiges Anliegen sei. Deshalb ist es ihr gemeinsames Ziel, diese Ansätze auch in ihrem Wirkungsbereich noch mehr zu etablieren, was ihnen beim Feuerwehrhaus in Bühl bereits trefflich gelungen ist.

Objekt: Feuerwehrhaus Bühl, Bühl am Alpsee

Bauherr: Stadt Immenstadt im Allgäu

Architektur: Alpstein Architekten, Immenstadt, www.alpstein-architektur.de

Statik: Ingenieurbüro Schmidbauer, Fische

Fachplanung: Brandschutz: Thomas Schmidbauer, Fischen; Wärmeschutz: Thomas Schmidbauer, Fischen

Planung: 09/2021- 09/2022

Ausführung: 10/2022- 09/2023

Grundstücksgröße: 2511 m²

Nutzfläche: 340 m²

Bauweise: Holzständerbau mit hinterlüfteter Holzfassade; Fassadenfarbe auf Leinölbasis; PV-Anlage + Erdwärme mit Tiefenbohrungen; Heizung: Betonkernaktivierung der Bodenplatte; Dachbegrünung; Holz-Alu-Fenster

Besonderheiten: Gesamtes Holz aus dem eigenen, städtischen Forst; Eigenleistung der ehrenamtlichen Mitglieder der Feuerwehr

Ausführung: Tronsberg Bau, Gestratz; Zimmerer: Haberl-Roth, Sonthofen; Elektro: Bentele, Immenstadt; Heizung/Lüftung: Hauber, Immenstadt; Spengler: Söldner, Burgberg; Fenster: Johannes Güthler, Lauben; Innenausbau Schreiner: Jürgen Jordan, Blaichach; Innentüren Schreiner: Schreinerei Gehring, Blaichach; Bodenbeschichtung: Rauer, Dietenheim