Im einstigen Wirtschaftspark in Götzis realisierte die Wohnbauselbsthilfe die Anlage „Wohnen im Wieden“.
Baumschlager Eberle Architekten tüftelten lang an Form und Positionierung der drei polygonalen Baukörper
mit den Schindelfassaden und runden Ecken. Sie stehen nun so geschickt am Grundstück, dass jede Loggia genug Licht
und jeder Weg durch die Anlage eine schöne Perspektive in die Nachbarschaft hat.

Das schafft Orientierung und bettet das Ensemble gut in sein dörfliches Umfeld ein.

Text: Isabella Marboe | Fotos: Cornelia Hefel

Die Nachfrage nach leistbarem Wohnraum ist hoch, Stadtverdichtung ein sehr virulentes Thema. Abgehalfterte Industrieareale bergen dafür enormes Potenzial. Der einstige Wirtschafspark in Götzis liegt am südlichen Kleinstadtrand und doch unweit vom Zentrum inmitten einer kleinteiligen Dorfstruktur. Im Süden steht noch ein viergeschoßiger Bürotrakt auf dem einstigen Industrie-gelände, an dessen westlichem Kopfende nun neben dem Parkplatz die Einfahrt in die Tiefgarage liegt. Ihre südliche Nachbarschaft bilden die drei verdrehten Baukörper des BBRZ – Berufliches Bildungs- und Rehabilitationszentrum. „Ursprünglich war hier eine Textilfirma“, sagt Jürgen Stoppel von Baumschlager Eberle Architekten, der dieses Projekt geleitet hat. „Der ehemalige Wirtschaftspark war ein schwerer Sanierungsfall, es ging darum, das Ensemble als Teil des Quartiers zu begreifen und auch in die Nachbarschaft einzubinden.“ Das gesamte Quartier „Wirtschaftshof Kalkofenweg“ umfasst 28.000 m2 Grundfläche, Baumschlager Eberle Architekten analysierten es genau, sie gewannen den Wettbewerb für die Parzelle mit den drei Wohn- und zwei angrenzenden Bürobauten klar.

„Wir stellten uns die Aufgabe, 64 Wohnungen in viergeschoßigen Häusern mit der sehr hohen Baunutzungsdichte 84 so zu bauen, dass – egal, wo man steht – Sichtkegel in alle Richtungen frei bleiben“, sagt Stoppel. Sobald diese hohe Dichtezahl ruchbar wurde, formierte sich Widerstand, obwohl die Neubauten auch für das Quartier eine deutliche Verbesserung bringen: Sie schaffen nämlich eine Durchwegung des Wirtschaftsparks, der zuvor nie zugänglich war. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, meint Stoppel gelassen. „Alles Neue macht Angst.“ Längst verstummte jede Kritik.

Die Wohnbauselbsthilfe hat 80 Prozent der Anlage als geförderte Wohnbauten errichtet und die restlichen 20 Prozent im Eigentum, beide sind von gleichermaßen hoher Qualität. Die polygonalen Baukörper wurden dreidimensional in ihrem städte-baulichen Kontext simuliert und in einem langen Prozess auf ihre Blickachsen hin optimiert. Den Architekten gelang es hervorragend, sie in das gewachsene Umfeld zu integrieren. Das liegt an der höchst präzisen Form der drei Häuser, ihrer Positionierung, Durchwegung und den sorgfältig begrünten Zwischenräumen. „Unsere Ausgangsbasis war, eine bessere Lebensqualität im Quartier zu erreichen.

„Wir stellten uns die Aufgabe, 64 Wohnungen in viergeschoßigen Häusern
mit der sehr hohen Baunutzungsdichte 84 so zu bauen, dass – egal, wo man steht –
Sichtkegel in alle Richtungen frei bleiben.“

Jürgen Stoppel
Architekt

. Man sollte keinesfalls gegen eine Wand laufen“, sagt Stoppel. Die drei Häuser haben durchwegs runde Ecken, die den dahinterliegenden Loggien einen weich gefassten Panoramablick bieten. „Es gibt auch kein Wohnzimmer und keinen Balkon, der gegen eine Wand schaut. Außerdem haben wir die Erfahrung gemacht, dass Brüstungen in einer Höhe von 65 bis 70 cm von innen gesehen den maximalen Ausblick bieten.“ Die Brüstungen sind mit den Deckenkanten optisch zu horizontalen Bändern gefasst und um den gesamten Baukörper geführt. Ihre Metallverbrämungen schützen die Holzschindeln der Fassade auch vor Wasser. Sie wird in Würde altern und immer mehr in den grünen Freiraum einwachsen. Alle Häuser haben Fenster aus Kiefernholz, Gründächer, Photovoltaik, Wohnzimmer und Küche mit direktem Zugang auf die Loggia. Susanne Mähr und ihr Mann Manfred haben ihr altes Haus in Dornbirn verkauft, um hier in eine Eigentumswohnung einzuziehen. „Die Küche ist zwar klein, aber sehr praktisch.“ Sie geht direkt in den Essplatz und die anschließende Loggia über. „Es war die beste Entscheidung unseres Lebens“, meinen die beiden. „Dornbirn ist eine Stadt, Götzis ist ein Dorf. Die Leute grüßen dich und erzählen dir ihren halben Lebenslauf. Wir fühlen uns wohl.“

Marlene Haller und ihr Sohn haben ihre Wohnung von der Gemeinde Götzis zugewiesen bekommen. „Es ist eine wunderschöne, ruhige Anlage in zentraler Lage“, sagt sie. „Man hat alles in der Nähe und braucht kein Auto.“ Außerdem schätzt sie das Holzparkett und den offenen Grundriss. Vor ihrem Einzug hatte sie mit ihrem Sohn neugierig die Anlage inspiziert. „Ich habe mir die Wohnung am Eck gewünscht“, sagt sie. Genau die hat sie bekommen. Sie liegt im Erdgeschoß, das aufgrund des Geländesprungs erhöht ist. So kann sie ungestört in ihrer Loggia in der Abendsonne sitzen und direkt ins Dorf blicken. Morgens weckt sie der Hahn.

Eine Baukulturgeschichte von
vai Vorarlberger Architektur Institut
Das vai ist die Plattform für Architektur, Raum und Gestaltung in Vorarlberg. Neben Ausstellungen und Veranstaltungen bietet das vai monatlich öffentliche Führungen zu privaten, kommunalen und gewerblichen Bauten. Mehr unter Architektur vor Ort auf www.v-a-i.at

Daten und Fakten

Objekt „Wohnen im Wieden“, Götzis
Bauherr Vorarlberger Wohnbauselbsthilfe, Bregenz
Architektur Baumschlager Eberle Architekten, Lustenau, www.baumschlager-eberle.com
Statik Mader + Flatz ZT, Bregenz
Fachplanung Haustechnik: Marte Diem, Bregenz
Planung 10/2014–04/2016
Ausführung 04/2016–06/2018
Grundstück 4425 m²
Nutzfläche 4617 m² (64 Wohnungen)
Bauweise Massivbauweise mit zweigeschoßiger Tiefgarage, Anbindung an zwei Bestandsgebäude; Schindelfassade; Warmdach; Holzfenster; Heizung: Fernwärme
Ausführung Generalunternehmer, Baumeister: Wilhelm+Mayer, Götzis; Installateur: Dorf Installateur, Götzis; Elektrik: Dorf Elektriker, Götzis; Holzbau: Dobler, Röthis; Spengler: Heinzle, Koblach; Dachdecker: Mathis, Altach; Fenster: Zech, Koblach; Schlosser: M+S, Röthis
Energiekennwert 15 kWh/m² im Jahr (HWB)