Architekt Christian Feldkircher und seine Frau Caroline überlegten genau, wie sie als Familie leben wollen.
Neben dem Bauernhaus der (Schwieger-)Eltern bauten sie sich einen schlichten Wohnturm aus Holz.
Der freigeformte Carport aus Sichtbeton dient auch als Grillplatz und familiärer Treffpunkt.
Das daneben liegende Haus ist geo
metrisch fast ein Würfel. In seiner splitgelevelten Wohnküche ist man dem Garten
mit den Obstbäumen ganz nah, oben hat man einen Fernblick bis in die Schweiz.

Text: Isabella Marboe | Fotos: Cornelia Hefel

Beruflich betreibt Architekt Christian Feldkircher mit Albert Moosbrugger das Büro firm in Lustenau, privat lebte er mit seiner Frau Caroline in einer Wohnung im Appenzell. Mit zwei kleinen Kindern passte das nicht mehr. „Ein Haus zu bauen, war nicht unser Ziel“, sagt Feldkircher. „Eine Stadtwohnung in Dornbirn oder Feldkirch schien auch nicht richtig. Wir fragten uns: Wie wollen wir leben? Wo schlagen wir Wurzeln?“ Die Antwort: Tür an Tür mit den Schwiegereltern des Architekten, das erleichtert und intensiviert den familiären Austausch. Die älteste Generation schaut auf die jüngste, die mittlere auf beide. „Man kann das Familienleben im Alltag mitbegleiten und muss dafür nicht ständig ins Auto steigen“, sagt Feldkircher. Die Schwiegereltern wohnen in Frastanz-Gampelün, einem ländlichen Ort mit knapp 250 Einwohner(inne)n, keine zehn Minuten von Feldkirch. Landwirtschaft, Wald und Wiese prägen den sonnigen Weiler, starker Zusammenhalt die Gemeinschaft.

Die Eltern der Bauherrin leben zu ebener Erde in einem Bauernhaus, erster Stock und Dachboden sind unbewohnt. Im Norden verläuft die Straße, im Süden gleitet eine Streuobstwiese steil hangabwärts bis zum Bachlauf. Anfangs überlegte das Paar, zu den Eltern in den Bestand zu ziehen. „Dafür wäre ein Totalumbau nötig gewesen“, sagt Feldkircher. „Der hätte unser Budget überschritten und dem Objekt nicht gutgetan.“ So kam es zum eigenen Haus. Der Gebäudeteil mit Stall und Heulager an der westlichen Stirnseite des Bauernhauses machte dem neuen Ensemble aus Carport und Wohnturm Platz. Der Carport ist aus Sichtbeton, sein freigeformtes Dach beschirmt auch eine Sitzbank an einem großen Tisch und einen Grillplatz mit Wiesenblick.

Das schlichte, zehn Meter hohe Punkthaus daneben ist mit einem Fußabdruck von neun mal neun Meter fast ein Würfel. Etwas von der Straße abgerückt, steht es mit seinem Kellerfundament schon mitten in der Wiese. Eine Schicht aus horizontalem Vollholz mit abgeschrägtem Querschnitt bildet die Fassade. Jede zweite Reihe steht etwas vor – so kann der Regen gut abtropfen. Der Wandaufbau besteht aus zwei Lagen Diagonal-Dübelholz und etwas Holzwolle, geheizt wird mit einer Erdwärmepumpe. „Wichtig war, dass das Haus mit seiner Umgebung harmoniert“, sagt Feldkircher. „Das gesamte Holz kommt aus eigenen Wäldern und der nahen Umgebung. Wir setzten gezielt viele Hölzer ein, sämtliche Oberflächen sind naturbelassen und geseift.“ Architekt und Handwerker tüftelten spannende Details aus.

„Wir haben miteinander geplant.
Das Konzept ist rasch gestanden,
aus der Form heraus hat das Raumgefüge eine
große Klarheit bekommen.“

Caroline Feldkircher
Bauherrin

Der Türgriff aus Apfelholz greift sich sehr angenehm an, innen schafft Weißtanne eine helle, sonnige Atmosphäre, die Möbel sind aus Ulmenholz, das gesamte Erdgeschoß ist Wohnküche. Ihre Verglasung ist als Panorama auf drei Seiten rundum geführt und setzt direkt auf dem Sichtbetonsockel an. „Wir wollten unbedingt mit Bezug zur Natur leben“, sagt Feldkircher. Wie von einer Kommandozentrale blickt man vom Herdblock durch ein großes Fenster am Bauernhaus vorbei in den Garten, wo frische Kräuter wachsen. Der geschliffene Beton des Küchenbodens wird an der nordwestlichen Fensterbrüstung zur Sitzbank, zwei Holzstufen tiefer liegt die Wohnebene leicht versenkt. Der Wiese ganz nah, fühlt man sich wie in einer Mulde sehr geborgen.

„Wir haben miteinander geplant“, sagt Ehefrau Caroline. „Das Konzept ist rasch gestanden, aus der Form heraus hat das Raumgefüge eine große Klarheit bekommen.“ Neben dem Eingang schraubt sich im nördlichen Eck eine kompakte, halbgewendelte Holztreppe um ein haushohes Bücherregal aus Stahlkörpern platzsparend und flink alle Ebenen hinauf. Dieser Stiegenkern ist auch statisch wirksam, der erste Stock ist das Prinzessinnenreich der entzückenden zwei Mädchen – Madita, zweieinhalb Jahre und Emilia, fünf Jahre alt. Ihr Kinderbad ist – wie das der Eltern – vollständig in Holz gehalten. „Alle Holzböden im Haus sind aus Buche. Auch im Bad ist das kein Problem. Wenn die Kinder pritscheln, wird es halt nass. Es braucht sogar eine gewisse Grundfeuchte“, so Feldkircher. Das Schlafzimmer des Paares liegt im zweiten Stock, sie haben eine kleine Loggia, ihr Bett ist aus massivem Nussholz. „Wir sind hier in 650 Meter Seehöhe. Die Geräuschkulisse ist toll. Wir hören Vögel, wir hören den Bach – und liegen in den Baumkronen.“

Eine Baukulturgeschichte von
vai Vorarlberger Architektur Institut
Das vai ist die Plattform für Architektur, Raum und Gestaltung in Vorarlberg. Neben Ausstellungen und Veranstaltungen bietet das vai monatlich öffentliche Führungen zu privaten, kommunalen und gewerblichen Bauten. Mehr unter Architektur vor Ort auf www.v-a-i.at

Daten und Fakten

Objekt Haus im Obstgarten
Bauherr Caroline und Christian Feldkircher
Architektur firm ZT, Lustenau, www.firm.ac
Statik Mader Flatz Schett ZT, Bregenz
Fachplanung Bauphysik: GM, Schwarzenberg
Planung 2019–2020
Ausführung 2020
Nutzfläche 170 m²
Bauweise Holzbau aus Massivholz
Ausführung Sanitär: Summer, Frastanz; Elektro: Pfaff, Bludesch; Baumeister: Thöni, Bludenz; Säge: Armin Metzler, Bezau; Holzbau: Sohm, Alberschwende, Berchtold, Bezau; Fenster: Schwarzmann, Schoppernau; Sonnenschutz: Immler, Andelsbuch; Treppe: tg Greußing, Bezau; Metallbau: Figer, Bezau; Tischler: Wolfgang Meusburger, Reuthe; Möbel: Edgar Waldner, Egg; Holzböden: BenJo Benjamin und Josef Fröwis, Bezau; Betonboden: Vigl + Strolz, Mellau; Lehmputz: Entner, Muntlix; Raumausstattung: Stefan Troy, Bezau; Beleuchtung: lichtFACTOR, Feldkirch
Energiekennwert 44 kWh/m² im Jahr