Der von Daniel Büchel subversiv spektakulär in Szene gesetzte Bludenzer carla Store ist das gelebte „Manifest“ dessen,
wofür die Caritas steht: Begegnung und Austausch im Zeichen von Inklusion und Nachhaltigkeit.

Autorin: Edith Schlocker | Fotos: Cornelia Hefel

Dieses Raum gewordene „Manifest“ ist allein schon von seinen Ausmaßen her eindrucksvoll. Nimmt der carla-Store doch das gesamte Erdgeschoß der ehemaligen Baumwollspinnerei Klarenbrunn ein, einem der seltenen erhaltenen Beispiele früher Industriearchitektur in Vorarlberg. Gebaut um 1880 vom britischen Architekten John Felber als imposante zweigeschoßige Halle mit einem Tragwerk aus 140 gusseisernen Säulen, einer hölzernen Zwischendecke und einer Hülle aus Backstein. Dass Tragwerk wie Fassaden unter Denkmalschutz stehen, erwies sich in diesem Fall allerdings nicht als lästige Begleiterscheinung, sondern war einer der Gründe, dass die Halle wie für die Caritas geschaffen ist. Als stimmungsträchtige Kulisse für die Secondhandmöbel, Kleider, Spielsachen oder Alltagsgegenstände, die es hier um wenig Geld zu kaufen gibt.

Die Caritas betreibt in Vorarlberg drei Geschäfte dieser Art, das in Bludenz ist allerdings so etwas wie der Flagship-Store. Die Suche nach dem heutigen Standort war langwierig und schwierig, so Caritas-Fachbereichsleiterin Karoline Mätzler, sein Finden „ein absoluter Glücksfall“, da „dieses Gebäude exakt unsere DNA hat“. Geht es doch prinzipiell um das kreative Umgehen mit Bestehendem, sein nachhaltiges Neu- und Weiterdenken, wobei das Upcycling niemals als billiger Gag eingesetzt, sondern aus Überzeugung gelebt wird.

Die ehemalige Baumwollspinnerei Klarenbrunn in Bludenz ist eine der wenigen in Vorarlberg erhaltenen Industriearchitekturen des späten 19. Jahrhunderts. Erbaut vom britischen Architekten John Felber.
Zahlreiche Anbauten sind an das Gebäude angedockt, dessen Backsteinhülle und Säulenhallen unter Denkmalschutz stehen. Im Erdgeschoß hat sich der carla-Store eingerichtet, oben tun dies gerade einige kleine Firmen.

Der in Wien und seiner Heimat Vorarlberg lebende Daniel Büchel, der sich als Hybrid aus Architekt, Künstler und Designer versteht, war der ideale Mann, um die Verwandlung der alten, seit Jahren leer stehenden Spinnereihalle in einen carla-Store zu stemmen. Als raffinierten Seiltanz zwischen Charme, Kosten, modernen Standards und denkmalschützerischen Auflagen. Wie gut er das kann, hat das „Sperrmüllkind“, wie sich Büchel selbst gern bezeichnet, bereits vor Jahren bei der Verwandlung eines Wiener Seniorenheims in das Magdas Hotel der Caritas bewiesen, einem international Aufsehen erregenden Projekt, das 2015 mit dem österreichischen Staatspreis für Design ausgezeichnet worden ist.

Für Karoline Mätzler hat die alte Baumwollspinnerei exakt dieselbe DNA wie die Caritas. Mit Daniel Büchel fand sich der ideale Architekt bzw. Designer für den sensiblen Umbau der Halle in den carla-Store bzw. die carla- Werkstätten.
Die 140 gusseisernen Säulen der Halle blieben unangetastet genauso wie der Holzboden aus den 1970er-Jahren. Neu ist die Beleuchtung durch fast 1000 Lichtpunkte an der Decke, die nächtens wie ein Sternenhimmel leuchtet.

Es ist allerdings nur in zweiter Linie dem geringen Budget geschuldet, dass an der Halle im Erdgeschoß, in dem der carla-Store sich eingenistet hat, nur so viel neu gemacht wurde, wie unbedingt notwendig. Etwa die 28 riesigen Fenster, die aus energetischen Gründen nach altem Muster neu gebaut und isolierverglast wurden. Was allerdings nicht bedeutet, dass die ausrangierten auf dem Sperrmüll gelandet wären. Aus ihnen wurde vielmehr ein wunderbar durchlässiger Raum im rund 2600 Quadratmeter großen Raum gebaut, in dem die zwölf Mitarbeiter des carla-Stores essen bzw. sich besprechen. Der offene Café-Bereich, der auch für kleine Veranstaltungen zu mieten ist, kommt fast wie ein Museum von Alltagsmöbeln daher. Aber auch die Geschichte der Halle ist überall spürbar. Etwa in den alten Mitarbeiterspinden, die nun zu Schuhregalen oder den mit Graffitis übersäten Raucherkabinen, die zu Umkleidekabinen umfunktioniert wurden.

28 riesige Fenster geben dem carla-Store viel Licht. Die originalen wurden aus energetischen Gründen ausgebaut und nach altem Muster neu gebaut und isolierverglast.
„Der Bludenzer carla-Store bedeutet eine riesige Aufwertung für das, was wir tun.
Ist Ausdruck der Wertschätzung den Käufer(inne)n gegenüber genauso wie den Menschen, die hier arbeiten.“

Karoline Mätzler, caritas-Bereichsleiterin

Die Geschichte des Gebäudes ist überall spürbar. Etwa in den zu Schuhregalen umfunktionierten ehemaligen metallenen Spinden der Mitarbeiter.
Aus den ausgetauschten originalen Fenstern wurde ein Raum im 2600 Quadratmeter großen Raum gebaut. Als ebenso geschützter wie transparenter Ort, in dem die carla-Mitarbeiter essen bzw. sich besprechen.

Offen in die 100 Meter lange, 26 Meter breite und fast viereinhalb Meter hohe, von einem Wald von 140 gusseisernen, in fünf Reihen stehenden Säulen dominierten und von 1000 zarten, in schwarzen Schienen geführten LED-Punkten erhellten Halle sind auch die carla-Werkstätten integriert. Da „wir auch in der Gesellschaft keine Wände einziehen wollen“, so Karoline Mätzler, richten hier am Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen die alten Möbel wieder her oder machen aus Altem Neues, das dann gleich nebenan verkauft wird. In den Werkstätten werden aber auch Aufträge aus der Industrie ausgeführt.

Komplett unangetastet blieb die originale Backsteinfassade. Im Gegensatz zu unten wurden im oberen, prinzipiell mit dem unteren Geschoß identischen Stockwerk sämtliche bisher zugebauten Fenster wieder geöffnet. Einige Firmen und Büros sind gerade dabei, sich hier einzurichten.

Offen in die Halle integriert sind auch die carla-Werkstätten, in denen am Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen arbeiten.
Prinzipiell identisch mit der Halle im Erdgeschoß ist die darüber. Allerdings wurden hier im Zug der Revitalisierung des Gebäudes sämtliche Fenster geöffnet, was in der Ebene darunter durch die zahlreichen Anbauten nicht möglich war.

Daten & Fakten

Objekt Fabrik Klarenbrunn, Bludenz

Bauherr/Mieterin Caritas der Diözese Feldkirch

Eigentümer Fabrik Klarenbrunn Immobilien Gmbh

Architektur Daniel Büchel, Wien, www.buechel.wien Christian Schmölz Architekt ZT, Röthis

Planung 7/2018–8/2018

Ausführung 9/2018–10/2018

Grundstück 15.000 m2

Nutzfläche Fabrik Klarenbrunn: 8000 m², carla: 3000 m²

Bauweise Historischer Backsteinziegelbau, geb. 1883, historisches Tragwerk aus gusseisernen Säulen und Holzbalkendecke, Bestand denkmalgeschützt; Umnutzung der ehem. Spinnerei zur Ideenfabrik für nachhaltiges Schaffen, Umnutzung des Spinnsaals bzw. der Säulenhalle im EG zum carla-Store Bludenz; Heizung: Biomasse und Wärmepumpe, Radiatoren; Innenausbau, Einrichtung und Möblierung: alte Fensterflügel aus der Fabrik vor Ort; Licht: Punktbeleuchtung mittels Stromschienen und LED-Lampen

Besonderheiten Upcyling und Recycling: Räume wurden behutsam mit vorhandenen Bauteilen saniert und gestaltet. Auch für die Einrichtung wurde durchgehend auf Wiederverwendung gesetzt. Heizung: Biomasse aus der hauseigenen Tischlerei

Ausführung Grundsanierung: Fabrik Klarenbrunn Immobilien, Bludenz; Elektro: Decker, Rankweil; Fenster: Kapo, Pöllau; Prototypenbau: Daniel Büchel, Wien; Innenausbau: carla-Werkstätten, Altach; Beleuchtung: carla-Elektro, Altach; Schutzfolierung: Bartenbach, Bludenz

Gesamtbaukosten Fabrik Klarenbrunn 2.700.000 Euro

Baukosten carla 70.000 Euro