Tafel(n) an der Autobahn
Fast 120 Meter gleitet ein riesiges, weißes Flugdach auf hohen, eleganten Pilzstützen an der Autobahn entlang. Darunter formieren sich die Zapfsäulen am Fuß der Stützen im Raster zur puristisch-schönen Tankstelle. Dazu ein freigeformtes Restaurant mit Shop und Terrasse. Dazwischen viel freie Sicht auf die Landschaft: Die neue Raststation Bodensee Hörbranz von Architekt Christian Lenz ist ein echter Hingucker und rund um die Uhr in Betrieb.
Autorin: Isabella Marboe | Fotos: Stefan Hauer
Das erste Gelato auf italienischem Boden, der kollektive Klogang bei Gruppenreisen, ein starker Espresso: Lange Autofahrten ohne Pausen sind eine Qual. Man braucht Raststätten, schätzt ihre Infrastruktur und die professionelle, rasche Abfertigung. Die Architektur blendet man meist aus. Sie oszilliert oft zwischen pittoresk-populären Typologien wie Ranch, Schloss, Burg und zweckoptimierter Wirtschaftlichkeit.
Vorarlberg ist anders. Im Ländle zählt gute, moderne Architektur zur regionalen DNA. Daher sollte auch die Raststation „Bodensee“ – die erste in Österreich nach dem deutschen Lindau – den baukulturellen Aspekt der Vorarlberger Identität vermitteln. Seit dem Beitritt zur EU 1995 war die Zollstation an der Grenze obsolet geworden: Nachdem die Entwicklung eines Gewerbeparks gescheitert war, suchte die Asfinag 2009 Interessenten für den Bau einer Raststation mit Tankstelle. Das Konsortium „Raststation Bodensee Hörbranz Gmbh“ (Rhomberg Bau, der Schweizer Raststättenbetreiber Gruppe Thurau, der Ravensburger Tankstellenbetreiber Schindele) erarbeitete mit Architekt Christian Lenz ein Projekt. „Ich wollte etwas Spezielles machen. Einen riesigen Tisch, unter dem alles stattfindet.“ Lenz entwarf ein langes Betondach auf eleganten Pilzstützen. Darunter fanden sowohl die Tankstelle als auch der freigeformte Baukörper mit Restaurant und Shop Platz. Selbsterklärend organisch gehen in dem hellen, freundlichen Einraum die diversen Zonen von Zulieferung, Küche, Restaurant, Self-Service, Shop ineinander über. Außerdem bietet die „Zwetschke“, wie Lenz den sympathischen Bau aus Fichte nennt, an ihrer gebauchten Südwestwand der Terrasse die Möglichkeit, windgeschützt die Autobahn auszublenden. Hier sitzt man ungestört im Grünen an der Sonne.
„Wichtig war, dass der Tisch und die Stützen weiß sind.
Das leuchtet dann nämlich bei jedem Wetter
gegen den Himmel und setzt ein starkes Zeichen.“
Christian Lenz, Architekt
Statisch optimiert, geht die runde Geometrie der weißen Pilzstützen an der Spitze wie eine Trompete organisch in die Dachfläche über, während sich die Stützen am Boden zu einem Durchmesser von 40 cm verjüngen. Das wirkt sehr grazil und entspricht dem statischen Verlauf. Die Schalung für die Pilzstützen wurde eigens aus perfekt geschweißtem, reinen Stahl hergestellt. Eine Herausforderung für die Baufirma. Die Unterkante der riesigen, fast 120 Meter langen Dachfläche verläuft in 6,90 Meter Höhe: So können auch Lkws problemlos zufahren und tanken. Elf mal drei Pilzstützen tragen das Dach, das unmerklich bombiert ist. „Wichtig war, dass der Tisch und die Stützen weiß sind“, so Christian Lenz. „Das leuchtet dann nämlich gegen den Himmel und setzt ein starkes Zeichen.“
Exakt zeichnet sich der Abdruck des Daches am besenstrichgebürsteten Betonboden ab: Dach, Stütze und Boden bilden so die räumliche Einheit für das automobile Leben. Etwa 70 Prozent der Fläche sind zum Tanken da. Gleich bei der Autobahnabfahrt gruppieren sich auf abgerundeten, leicht erhöhten Betonplattformen die grünen Zapfsäulen, je ein Mistkübel und Behälter mit Fensterwischer um die Stützen. Diese aufgeräumte Tankstelle – im Prinzip eine Säulenhalle mit Flugdach, dazwischen viel Platz zum Tanken, Zu- und Abfahren – ist berechtigte Anwärterin auf einen Fixplatz unter den schönsten Tankstellen im Land.
Unter dem restlichen Drittel der „riesengroßen Tafel“ (Lenz) steht die Raststätte. Ihr Grundriss besteht aus einem leicht in die Länge gezogenen Kreisbogen im Nordwesten und einem kleineren, annähernden Kreis auf der Tankstellenseite. Beide laufen auf die Kante des Eingangs zu. Er liegt gleich bei der geschwungenen Treppe mit Oberlicht, die zum WC führt. Dahinter steht der Bartresen. Die Fassade ist eine Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Holz, in der sich Glaselemente mit Ausblick und geschlossene Bereiche abwechseln. Insgesamt ist der frei geschwungene Einraum für 250 Gäste ohne hohe Möbel wunderbar übersichtlich. Zwischen der Einrichtung aus Schwarzstahl und Holz stehen lapidar weiße Stützen – der Raster geht durch.
An der Gegenspur gibt es vor dem alten Zollgebäude noch einen kompakten Tisch-Ableger mit Stützen und Flugdach zum Tanken für Lkws. Beide Autobahnseiten sind durch einen unterirdischen Gang aus der Vor-Schengen-Ära verbunden: Eine rote Decke mit mittigen Lichtröhren, dazu froschgrüne Wände und Boden machen ihn zu einem Stück angewandter Kunst. Ein Raumerlebnis. Not to miss.
Daten & Fakten
Objekt Raststation Bodensee Hörbranz
Eigentümer Raststation Bodensee Hörbranz GmbH
Gesellschafter Gruppe Thurau (51%), Schindele-Handel (40%), Rhomberg Bau (9%)
Totalunternehmer Rhomberg Bau GmbH, Bregenz, Koordinierung sämtlicher Planer und Bauausführenden. Baumeisterarbeiten, Hochbau, Kanalisierung, Infrastruktur und Außenanlagen
Architektur Architekturbüro Dipl.-Ing. Christian Lenz, Schwarzach, www.christian-lenz.at, Mitarbeit: Dipl.-Ing. FH Gerhard Matt
Inneneinrichtung Aichinger GmbH, Wangen (D), www.aichinger.de
Umweltbericht/Verkehrsplanung M+G Ingenieure Zivitechniker GmbH, Feldkirch
Verkehrskonzept Besch&Partner KG, Feldkirch
Lärmschutzplanung BDT IB Bauphysik, Ing. Karlheinz Wille, Frastanz
Lufthygiene Acontec AG, Schaan (FL)
Entwässerung Rudthardt+Gasser Ziviltecniker GmbH, Bregenz
Statik Mader&Flatz Ziviltechniker GmbH, Bregenz
HLS Marte Diem GmbH, Bregenz
Elektro Ingenieurbüro Brugger GmbH, Thüringen
Brandschutz K&M Brandschutztechnik GmbH, Lochau
Bauphysik BDT IB Bauphysik, Ing. Karlheinz Wille, Frastanz
Vermessung Lackinger Gerhard GmbH, Feldkirch
Planung 7/2010 Planungsbeginn, 8/2012 Rechtskraft Flächenwidmung, 2/2014 Beginn BH-Verfahren (Baurecht, Gewerberecht, Wasserrecht, Forstrecht, Natur- und Landschaftsschutz), 4/2016 Rechtskraft aller Bescheide, 11/2016 Beginn Abbruch, 2/2017 Baubeginn, 6/2018 Start Probebetrieb und Inbetriebnahme
Bauweise Holz-Ständerbauweise mit Stahlbetondecken; vorgefertigte Holzrahmenelemente mit außen liegender Fichtenschalung; hinterlüftete Fassade, Isolierverglasung; Flachdach, Dachhaut aus Sarnafil
Besonderheiten Flugdach mit 3861 m² Gesamtfläche getragen von 33 Pilzsäulen
Ausführung Sohm HolzBautechnik GmbH, bejos Berchtold Joachen Spenglerei GmbH, Gruber Klimatechnik GmbH, Markus Stolz Ges.m.b.H. Co. KG, Josef PIRCHER BetriebsGmbH u. v. a.