Anfang des Monats wurde in Schwarzenberg wieder der Vorarlberger Holzbaupreis verliehen –
große Kulisse im Angelika-Kauffmann-Saal in Schwarzenberg.
Auf besondere Art nobilitiert wurde die Veranstaltung durch ein Grußwort
des Ministers für Ländlichen Raum aus Baden-Württemberg. Bemerkenswert:
Der Besuch preist im Bregenzerwald das Ländle als Leuchtturm für das immerhin
dreizehnmal so große Nachbarland. Was lasse sich von hier nicht alles
in puncto Baukultur und Holzbau lernen!

Autor: Florian Aicher | Fotos: Nicolas Felder

Nun weiß hier mittlerweile jedes Schulkind, was man an der Architektur hat. Das war nicht immer so; es gibt gute Gründe, bereits weit in der Vergangenheit anzusetzen. Etwa bei der Auer Zunft. Dieser Zusammenschluss von Baumeistern prägt von der kleinen Gemeinde Au im hinteren Bregenzerwald ausgehend über Generationen die Architektur des nördlichen Alpenraums im Umkreis von mehreren hundert Kilometern. 1657 von Michael Beer gegründet, haben die Thumbs, Moosbruggers, Kuens, Beers und weitere mit Energie und Sachverstand herausragende Bauten vom fränkischen Ellwangen über das schwäbische Weingarten bis ins Schweizer St. Gallen und Einsiedeln geprägt. Große Bautrupps zogen im Sommer hinaus und vertieften ihre Kunst im Winter bei eigenen Lehrgängen. Wer weiß davon?

Es ist überfällig, vor Ort daran zu erinnern. Nun ist es so weit. Am 26. September eröffnet in Au/Rehmen ein kleines, feines Museum, gewidmet den Bregenzerwälder Barockbaumeistern im Kuratenhaus neben der Kirche. Ideen und Pläne gab es seit Jahrzehnten; dem 2019 gegründeten Verein akkurat gelang es schließlich, Pfarre, Gemeinde und zahlreiche Förderer unter ein Dach zu bringen und das lange leerstehende Haus der neuen Nutzung zuzuführen. Da jeder der Beteiligten allein überfordert war, war die Lösung ein „Joint Venture“: Das Erdgeschoß beherbergt das Museum, das Obergeschoß Wohnräume des Krankenpflegevereins, das Dachgeschoß eine Wohnung der Pfarre.

„Eigene Geschichte, Hausbau,
Ortsentwicklung – das hat Freude gemacht!“

Reiner Muxel
Obmann des Vereins „akkurat“

Seit 2020 wird das Haus in enger Absprache mit dem Bundesdenkmalamt umgebaut. Erste Pläne fertigte Architekt Christian Lenz mit Wolfgang Elmenreich, die Umsetzung treibt Architekt Albert Rüf voran. Das gerade mal 13 m x 14,5 m große Haus, zurückdatierbar bis in die Zeit der Zunftgründung, birgt für Wälder Verhältnisse Besonderes: Der Wohnteil ist komplett unterkellert und bis zum ersten Stock mit 80 cm starken Natursteinmauern ausgeführt. Darauf sitzt der übliche Strickbau. Hangseitig schloss ein verschalter Riegel-Ständerbau an. Erhalten ist der Steinbau mit aufgesetztem Strick; der rückwärtige Teil ist samt Keller neu errichtet als Holzelementbau mit Holzdecken in den Maßen des Vorgängers. Nur das neue Dach ist zwecks Dämmung um 50 cm angehoben. Unproblematisch: die Erschließung mit Lift und getrennten Zugängen zu Wohnungen bzw. Museum im „Neubau“. Dagegen sind die Räume des Museums original, trotz Ertüchtigung der Decken als Holz-Beton-Hybrid. Gleiches gilt für die Raumhöhe von 2,02 m und die Fußbodendielen von vor ca. 350 Jahren. Das Wandtäfer ist etwa 150 Jahre jünger, Deckleisten mit historischem Profil sind neu. Ebenso erneuert sind die Schubflügelfenster als Kastenfenster. Die weiteren Räume haben gekalkte Steinwände und Böden und Einbaumöbel in Weißtanne. Prägend wie sonst im Bregenzerwald: das meisterhafte Zusammenspiel von Alt und Neu.

Die Fassade zum Dorfplatz hat ein neues Schindelkleid, naturbelassen wie die neuen Fensterläden in Absprache mit dem Denkmalamt. Östlich ist ein historischer Schopf vorgelagert – heute Eingang zum Museum. Hier macht sich die Fassade von der Historie frei: Zugang und Vorraum sind, wie ein anschließender Ausstellungsraum, großzügig aufgeglast. Das Schaufenster ist zeitgenössischen Erzeugnissen heutiger Zunftmitglieder vorbehalten. Für deren Gemeinsinn steht das Projekt: 90 Prozent der Arbeiten wurden von Mitgliedern geleistet, darunter vier Zimmerer, vier Schreiner, zwei Installateure, zwei Elektriker. Und dennoch: Ohne das energische Engagement und den Überblick eines Albert Rüf wäre 15 Monate nach Baubeginn noch keine Eröffnung in Sicht.

Das bescheidene Raumangebot zwingt zur konzentrierten, pointierten Darstellung bei umfassendem Anspruch. Anhand zweier Familien werden Aspekte der Baupraxis in je einer Vitrine dargestellt, dazu widmet sich je eine Vitrine dem Sozialleben infolge Arbeitsmigration und der Fortbildung durch die Auer Lehrgänge. Dazu kommt eine „Erzähl-Bank“ sowie drei Multimediastationen. Einblick ins Thema wird geboten – anschaulich, übersichtlich, der Aura des Objekts verpflichtet sowie dem Brückenschlag zur Gegenwart mit seinem handwerklichen Ethos, so Büro Winkler, Ausstellungsgestalter aus Innsbruck. „Mit dem Museum“, so Walter Lingg vom Vorstand des Vereins, „haben wir begonnen,
einen kaum zu ermessenden Schatz des Ortes zu heben.“

Eine Baukulturgeschichte von
vai Vorarlberger Architektur Institut
Das Kurathus wird heute, am 26. September 2021 eröffnet. Mehr unter: www.barockbaumeister.at. Am gleichen Tag findet österreichweit der Tag des Denkmals statt. Das Programm mit vielen Events auch in Vorarlberg finden Sie unter www.tagdesdenmals.at. Bisher erschienene Baukulturgeschichten vom vai Vorarlberger Architektur Instituts sind downloadbar: www.v-a-i.at

Daten & Fakten

Objekt Barockbaumeister-Museum mit Wohnungen im Obergeschoß
Planung Christian Lenz, Wolfgang Elmenreich, Albert Rüf mit dem Bundesamt für Denkmalschutz
Fachplanung Ausstellungsgestaltung: Büro Winkler, Innsbruck
Planung 2019
Ausführung 07/2020 bis 09/2021
Bauweise Sanierter Bestand: Natursteinmauerwerk; Strickbau vertäfert und geschindelt; Betonvergütung Decken. Neubau über betoniertem Keller; Holzbau in Elementbauweise mit Massivholzdecken; Aufzugskern betoniert; Fußbodenheizung mit Luft-Wärmepumpe im angeschlossenen Carport
Ausführung Vorwiegend Mitglieder der Auer Handwerkszunft