Die Lichtkunst von James Turrell erzeugt mitunter Momente der Entrückung,
dabei ist der amerikanische Künstler mehr an der Wissenschaft denn am Spektakel interessiert.
In Lech ist nun ein weiterer Skyspace nach seinen Plänen entstanden.
Dieses Werk hat viele Facetten – unter anderem ist es auch ein Bauwerk.

Autorin: Verena Konrad | Fotos: Florian Holzherr, Maria Muxel

Es ist erst ein paar Wochen her, dass der Skyspace, ein „Lichtraum“ des amerikanischen Künstlers James Turrell, in Lech eröffnet wurde. Seither ist das Interesse ungebrochen, der Ansturm groß. Wenige Minuten von Oberlech, zu Fuß erreichbar und Teil eines besonderen alpinen Umfelds, ist der Ort auf der Alpe „Tannegg“ gut gewäht. Hier wurde ein ovaler und nach oben gewölberter Bau größtenteils unteridisch in einem Hügel errichtet, um die Landschaft nicht zu stören. Von Weitem daher kaum sichtbar, ist der Skyspace von außen zunächst durch seine Kuppel, ein Gestell für ebendiese und einen Mauerkranz wahrnehmbar, in dessen Steine die Namen vieler Spender(innen) graviert sind.

Rahmenwerk. Kaum erkennbar ist der Einschnitt in die Landschaft. Die Öffnung nimmt sich dezent zurück und rahmt das Werk nach innen und außen.
Für Tunnel und Eingang wurden Stahlbetonfertigteile in Sichtbetonqualität gewählt. Der lange Gang dient als Schwelle, um die Wahrnehmung zu schärfen.
Ist es Licht oder Farbe? Das Spiel mit der eigenen Wahrnehmung klingt noch lange nach. Die Tunnel-Sichtachse ist auf den Biberkopf ausgerichtet. Wer nach intensivem Erlebnis hier hinaustritt, sieht die Welt ein bisschen anders.

Im Sommer wie im Winter führt hier ein Wanderweg vorbei, das Areal ist frei zugänglich, der Besuch des Skyspace kostenlos, doch wertvoll. Der Zugang zum Kunstwerk selbst ist durch ein Bauwerk gegeben, das die Idee dieses Lichtraums umschließt, ihn erst möglich macht. Die Pläne dafür kamen vom Künstler, Details und Ausführung vom Architekturbüro Baumschlager Eberle und zahlreichen, wirklich zahlreichen (Bau-)Unternehmen, die sich hier kulturaffin einbrachten. Initiiert, finanziert und umgesetzt wurde das Projekt durch den privaten Verein „Horizon Field – Kunstverein Vorarlberg“ und seine Unterstützer(innen). Auch hier sind engagierte Bürger(innen) am Werk. Menschen, die sich für Kunst und Kultur interessieren und gleichzeitig bereit sind, auch selbst etwas in die Hand zu nehmen.

„Wir sind uns nicht bewusst,
dass wir selbst dem Himmel seine Farbe geben.“

James Turrell
Künstler

James Turrell bei seinem Besuch in Lech 2014.

Der Skyspace ist zwar leicht erreichbar, erschließt sich jedoch bewusst langsam. Der Zugang erfolgt über einen 15 Meter langen Tunnel. Dieser führt in den ellipsenförmigen 9 m langen und 6 m breiten „Sensing Room,“ der mit einer umlaufenden Sitzbank ausgestattet ist. Hier nehmen die Besucher(innen) Platz und lassen Lichtstimmungen und Himmelsansichten auf sich wirken.

Das Skyspace-Konzept, mit der dafür entwickelten Lichtkunst von James Turrell, kann nur während der Sonnaufgangs- und Sonnenuntergangszeit bzw. gutem Wetter erfahren werden. Hierfür muss die Kuppel geöffnet sein. Dass es überhaupt eine Kuppel gibt, liegt an der natürlichen Umgebung. Wenn der Winter kommt und damit auch der Schnee, muss diese Kuppel bis zu 33 Tonnen Schneegewicht tragen. Wenn sie geöffnet ist, ruht sie auf einer eleganten Stahlunterkonstruktion. Wenn das Dach geschlossen ist, erschafft eine Lichtinstallation ein sogenanntes künstliches Ganzfeld im Kuppelbereich.

Der Weg ins Innere des „Sensing Rooms“ führt über einen 15 Meter langen Tunnel.
Im Innenraum sorgen schwarze, temperierte Granitplatten für Komfort für längeres Verweilen.

Die Kuppel kann mittels Mobiltelefon ferngewartet werden, ebenso die Eingangstüren und die Beleuchtung. Auch sonst ist der Bau smart. Die Lichtinstallation ist verborgen, die Lüftung gut versteckt, der „Sensing Room“ kann vortemperiert werden. In der Tunnelwand werden Gäste durch einen bündig integrierten Infoscreen mit Text und Bild versorgt. Versteckte Kameras und Personenzähler sollen den Betrieb erleichern. Selbiger ist nicht leicht zu managen. Wer in die Natur zieht, um selbige und sich als Teil davon wahrzunehmen, braucht all das nicht. Dieser Ort jedoch schon. Viele Besucher(innen) erwarten Service, mitunter ein Spektakel. Eine kalkulierbare Erfahrung. Ein konsumierbares Erlebnis. Auch das kann die Lichtkunst von James Turrell einlösen. Aber sie kann noch viel mehr. Der Skyspace in Lech kann ein Ort der Kontemplation sein, der Selbsterkenntnis, von tiefer Einsicht und intensiver Wahrnehmung. Doch alls das verlangt Aufmerksamkeit, Ruhe, Konzentration, so etwas wie Gelassenheit. Es wird Tage geben – regnerische, windige, düstere, und solche an denen keine Wolke den Himmel ziert. All das wird dieses Erlebnis beeinflussen, nach außen hin gesehen. Nach innen bleibt das Werk immer gleich. „Wir sind uns nicht bewusst, dass wir selbst dem Himmel seine Farbe geben“, sagt James Turrell dazu, ganz unaufgeregt. Wer das Erlebnis einmal gehabt hat, sei es untertags mit dem langsamen Wandern eines weißen Lichtkegels entlang der Wand und damit dem Sonnenstand folgend, oder in der Dämmerung, morgens oder abends, wenn die Farben im Kopf entstehen und sich mit dem vermischen, was wir zu wissen und zu kennen glauben, sieht die Welt plötzlich mit anderen Augen und sich selbst in diesem Moment auch.

Zwei Lichtinstallationen von Turrell in einem Kunstwerk – das Skyspace-Konzept und der Ganzfeld-Effekt. Bei guten Wetter ist die Kuppel geöffnet. Zu sehen ist der Himmel und ein weißer Lichtkegel, der langsam die Wand entlang wandert. Bei Schlechtwetter bleibt die Kuppel geschlossen und es wird ein speziell dafür konzipiertes Lichtprogramm von James Turrell, das einen Ganzfeld-Effekt im Kuppelbereich visualisiert, vorgeführt.

Daten & Fakten

Objekt Skyspace-Lech, Tannegg-Oberlech

Eigentümer/Bauherr „Horizon Field“-Kunstverein Vorarlberg, Bregenz

Architektur Baumschlager Eberle Architekten, Lustenau

Planung 2/2015 Vorentwurf (Spendensammlung), 3/2017–10/2017 Entwurf, Baueingabe, Rohbau- und Detailplanung

Ausführung 5/2017–7/2018 (mit Winterpause)

Grundstücksgröße 3307 m²

Nutzfläche „Sensing Room“ 33–45 m², Zugangstunnel 16 m², 15 m lang, Technik 10 m²

Seehöhe 1780 m ü. d. M.

Fachplaner Statik: Mader & Flatz Baustatik ZT, Bregenz; Bauphysik: T.A.U., Lustenau; Erdarbeiten: Gebrüder Rüf – Bau und Transport, Au / Baumeister: i+R Bau, Lauterach; GFK-Schalung: Scherr René Modellbau, Dornbirn; Lichtsteuerung: Zumtobel, Dornbirn

Ausführung Granitplatten: Fliesenpool, Götzis mit Lenz Steinmetz, Alberschwende; Steinarbeiten: Steinwerk, Andelsbuch; Metallarbeiten: Figer Kunstschmiede, Bezau mit Schlosserei Moosbrugger, Au; Türen: Zargen Bösch, Schwarzach mit Betonwerk Rieder, München; Bewegliche Kuppel: Rail Engineering Moosbrugger & Co, Rebstein mit Ruppe & Blum, Hard; Malerarbeiten: Ziegler, Lech; Verputzarbeiten: Scheiber, Dornirn; Technik: Elektro: Elektro Müller, Landeck; Heizung, Lüftung, Sanitär: Wagner, Nüziders; Türen: ATW, Dornbirn; Kuppel: Rail Engineering Moosbrugger & Co, Rebstein

Baukosten ca. 800.000 Euro