Fährt man am See von Bregenz kommend Richtung Lochau,
kommt wohl niemand umhin, den herrlichen Rundblick über die Bregenzer Bucht
zu genießen. Passiert man dann den Ortskern, vorbei an der Kirche in Richtung
Pfänder, zeigt der See, was er alles kann. Verlässt man nun die Pfänderstraße
unterhalb der Seniorenresidenz Jesuheim, befindet man sich nach wenigen Metern
in einem Spannungsfeld von landwirtschaftlich genutzten Flächen,
gesäumt von Gebäuden unterschiedlichsten Charakters.

 

Text: Klaus Feldkircher | Fotos: Albrecht Imanuel Schnabel

Eines dieser Gebäude befindet sich an der Adresse Unterhalden 4, das wie ein Monolith aus dem Boden gewachsen scheint. Der Baukörper sticht durch seine asymmetrische siebeneckige Form ins Auge. Baumeister und Planer der Kleinwohnanlage ist Jürgen Haller in Zusammenarbeit mit seinem Freund Peter Plattner. Er hat mit seinem Team dieses Gebäude in Lochau im Jahre 2017 umgesetzt. Nach dem Motto „Wald trifft Welt“ entwickelt Haller in seinem Büro für Architektur und Baumanagement im Tempel 74 in Mellau ständig neue Ideen und Wohnkonzepte für Gebäude in unterschiedlichsten Lagen. Seine Philosophie vom Bauen beschreibt er so: „Wir setzen auf die starke Verbindung von Architektur und Handwerk. Diese prägt nicht nur den Bregenzerwald, sondern die Vorarlberger Baukultur insgesamt.“ Wo es möglich ist, verwendet er heimische Ressourcen. Ebenso hoch wie seine Messlatte an die Gestaltung ist sein Anspruch an Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Angesprochen auf das besondere Erscheinungsbild seines Projekts in Lochau meint er: „Die Form des Hauses ist der Größe und der Dimension des Grundstückes, das wir optimal ausgenutzt haben, geschuldet.“ Was beim Betrachten weiters ins Auge sticht, ist die folgerichtige Asymmetrie der dreifach verglasten Fenster. „Richtung See sind die Öffnungen groß und bodenbündig, nach hinten werden sie kleiner“, so Haller. Und auch hier gilt: „Wir haben für jede Einheit die besonderen (Aus-)Blicke eingefangen.“

Monolith aus Stahlbeton
Der abgekantete, viergeschoßige Monolith wurde in Stahlbeton mit gestockter Oberfläche errichtet. Seine oberirdischen Grundrisse wachsen aus dem in die Topografie geschobenen Untergeschoß, das als Sockel Platz für Garagen und für die untergeordnete Nutzung bietet. Erschlossen wird das Gebäude über einen zentralen Eingangsbereich. In der Mitte des Gebäudes befindet sich der Liftturm, flankiert vom Stiegenhaus. Die unregelmäßig positionierten Verglasungen bieten den Bewohnern sowohl Einlass als auch Ausblick über die idyllische Landschaft und den sich ständig wandelnden Bodensee. Das Gelände forderte hangseitig eine Stützmauer, die den zusätzlichen Vorteil einer Straßenverbreiterung mit sich brachte. Pro Geschoß wurden je zwei Wohnungen mit ca. 105 m2 konzipiert, wobei die Wohnungen in den beiden oberen Geschoßen zusammengelegt wurden.

„Die klare, monolithische Form und die
funktionale Hülle reagieren auf die Bedingungen des Ortes
und die Anforderungen der Bewohner.
So hat die Arbeit über den Moment,
die Mode oder den Zeitgeist hinaus Bestand.“

Jürgen Haller
Baumeister

Gesamtkonzept im Penthouse
In der Wohnung im 2. Obergeschoß wurde das Gesamtkonzept von Jürgen Haller auch im Innenbereich umgesetzt, was das Wohnerlebnis besonders stimmig und wie aus einem Guss macht. „Wir haben in diesem Stockwerk die gesamte Einrichtung mitgeplant und gestaltet.“ Im Penthouse wurde u. a. eine Sauna adaptiert und eingebaut. Der Großteil dieser Wohnung ist mit Weißtanne vertäfert. Die Decke, in Weiß gehalten, ist glatt gespachtelt. Die Küche wurde mit weißen Plattenwerkstoffen ausgeführt, um eine atmosphärische Lockerheit zu erzielen. Beheizt wird das gesamte Gebäude mit Erdwärme, verbunden mit einer Photovoltaikanlage auf dem begrünten Dach.

Die aussichtsorientierten Loggien und der eingeschnittene Eingangsbereich sind mit Weißtannenholz ausgekleidet und gestatten den geschützten Aufenthalt im Freien. Die geradlinig reduzierte Formensprache der Außenhaut setzt sich dann auch im Inneren fort. Die Härte der rauen Betonfassade wird durch die mit Weißtannenholz ausgekleideten Einschnitte und Rücksprünge entschärft. Die Innenräume wirken durch die Auskleidung mit schlichtem Weißtannentäfer weniger hart und vermitteln Geborgenheit. Die Wohnbereiche sind aussichtsorientiert zum See positioniert und großzügig und offen gestaltet, die Grundrisse der jeweiligen Wohneinheiten sind klar strukturiert und gegliedert. „Das teilweise sehr große Raumvolumen wurde unter Ausnutzung der Hanglage ohne jegliche Geländeveränderung im Hang versteckt“, erklärt Jürgen Haller sein Konzept. „Die klare, monolithische Form soll ebenso wie die funktionale Hülle auf die Bedingungen des Ortes und auf die Anforderungen der Bewohner reagieren. Und weiter: „Die Arbeit kann so über den Moment, die Mode oder den Zeitgeist hinaus Bestand haben.“

Objekt Wohnanlage Unterhalden 4, Lochau
Bauherr Wohnungseigentümergemeinschaft Unterhalden 4
Architektur Baumeister Jürgen Haller, Mellau, www.juergenhaller.at
Statik Mader Flatz, Bregenz, www.mfs-zt.at
Fachplanung Bauphysik: Günther Meusburger, Schwarzenberg
Planung 06/2014–07/2015
Ausführung 08/2015–12/2017
Grundstück 1090 m²
Nutzfläche 678 m² (zzgl. Keller)
Bauweise Gebäudehülle gestrahlter Beton mit Innendämmung und Holzvertäferung Weißtanne; Decken Stahlbeton glatt gespachtelt und gestrichen; Zwischenwände in Trockenbau; teilweise mit Holzvertäferung; Loggien und Einschnitte mit Weißtannentäfer; Passivhausfenster Holz; Heizung und Kühlung mit Wärmepumpe und Erdsonde
Ausführung Baumeister: Schnetzer, Lochau; Zimmerer: Huber, Mellau; Fenster: Schwarzmann, Schoppernau; Innenausbau: Formart, Lauterach; Böden: PÖZ, Hohenems; Heizung/Sanitär: Steurer, Andelsbuch; Elektro: Schneider, Schwarzenberg; Dachdecker: Schwendinger, Wolfurt
Energiekennwert 29 kWh/m² im Jahr (HWB)